Das ist neu, das ist gut.

09.05.2014
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So gab der Meister seinen Schülern die Richtung vor: Der Illustrator ist ein Mensch, der bis spät in die Nacht an seinem Zeichentisch sitzt, in konstantes Kunstlicht gehüllt und dessen Haut mit der Zeit eine blasse zuweilen ins Grünliche tendierende Farbe annimmt. Der Illustrator nimmt sich nicht wichtig, auch wenn seine Arbeit ihm ein hohes Maß an Kunstfertigkeit abverlangt.

Er liest den Wirtschaftsteil, denn hier findet er die Grundlage für all sein Tun. Er hat ein Gespür für Trends und den Zeitgeist, er kennt die griechische Mythologie, die Bibel, Dostojewki, Goethe, Schiller etc. und ist überhaupt ein Mensch von großer Allgemeinbildung. Der Illustrator steht erst dann von seinem unbequemen Stuhl auf, wenn seine Arbeit getan ist. Dann wartet er geduldig auf das Urteil seines Kunden.

Wollen Sie wirklich Illustrator werden? Wollen Sie wirklich Illustrator werden? Wollen Sie wirklich Illustrator werden?

Eine Frage, die uns Heinz Edelmann immer und immer wieder stellte. Folgte ein Ja, begann eine Korrektur auch gerne mal mit den Worten:

Ist es das, worauf die Welt gewartet hat?

Heinz Edelmann war ein zurückhaltender Mensch mit einem sehr hohem Anspruch an die Illustration und das Grafik-Design als Ganzes.

Eine Illustration war für ihn eine gute Illustration, wenn sie neben handwerklicher Qualität vor allem eines aufwies: eine Idee. Und genau dies sollten wir lernen. Man kann sich an allen Stilen und Techniken abarbeiten wie man will. Das ist die individuelle Aufgabe jedes Einzelnen. Am Anfang aber muss die alles tragende Idee stehen.

Und Heinz Edelmann war ein Meister der Idee.

Seine Vorliebe für das Absurde und den Irrwitz in unserer Welt, eine kindliche bisweilen diabolische Freude an einem guten Witz zeichnete ihn aus. Und immer war er auf der Suche nach dem Neuen, nach etwas, das die Welt noch nicht gesehen hat.

So schuf er ein vielseitiges und kraftvolles Werk, das vor allem für das Grafikdesign der späten 1960er Jahre richtungsweisend war:

Er gestaltete für den WDR legendäre Plakate für Hörfunk und Fernsehen. Er war von 1959 – 1971 mit Willy Fleckhaus prägend am Erscheinungsbild des avantgardistischen Jugendmagazins Twen beteiligt. Der Vorspann der ZDF-Sendereihe „Der phantastische Film“ stammt von ihm. Er arbeitete für das FAZ-Magazin. Wieder mit Willy Fleckhaus zusammen. Seine Buchumschläge fanden sich auf frühen rororo-Krimis und ab 1967 auf der „gelben Reihe Hanser“.

Als sich die Verlage Klett und Cotta 1977 zusammenschlossen, schuf Edelmann ein dynamisches Erscheinungsbild, das jedes Buch als neue Entwurfsaufgabe begriff und Klett Cotta über 20 Jahre prägte. Die Highlights versammelte er 1997 rückblickend im „Buch der Bücher“. Und er schuf den stilprägenden Beatles-Film „Yellow Submarine“.

Dieses chaotische Filmprojekt, das ohne brauchbares Script oder Storyboard im August 1967 begann und schon elf Monate später fertiggestellt werden sollte, brachte ihn in ungeahnte gestalterische Höhen, aber körperlich an die Grenzen der Belastbarkeit. Er brauchte Jahre um sich von den Strapazen der Produktion zu erholen. Täglich 20 Stunden am Zeichenbrett sitzend, erfand er die Blue Meanies und zeichnete alle Character, bevor der genaue Plot auch nur annähernd feststand. Er schuf für jede einzelne Szene das gestalterische Szenario und brachte surreale Elemente und Figuren mit einem opulenten Farbfeuerwerk in Kontrast, das den Zeitgeist der späten 60er einfing.

Über seine herausragende Arbeit für Twen schrieb Willy Fleckhaus: „Seine Linien und Farben durchzogen das Heft, wucherten über die Seiten hinaus, umklammerten die Betrachter. Edelmanns Flora und Fauna waren nie von dieser Welt“

Was interessiert Sie denn?

Das ist der prägende Edelmann-Satz für mich.
Er ist die Triebfeder für alles Kreative.
Die Faszination am Entdecken, am Rätsel.

Es ist ein großer Hunger, der immer größer wird je länger ich mich mit meiner visuellen Welt beschäftige. Beim Einverleiben der Eindrücke in meiner Arbeit auf etwas Unerwartetes zu stoßen, den Eindruck einer Antwort zu finden auf eine Frage, die ich noch nicht einmal konkret formulieren könnte, der ich aber nachgehe, bis ich etwas gefunden habe, das mich fasziniert. Das macht mich glücklich und ist die Quelle, aus der ich schöpfe.

Gerhard Richter sagte: „Es ist doch nur interessant, etwas zu malen, das ich nicht kapiere.“ Und Picasso sagte: „Ein Künstler hört auf ein Künstler zu sein, sobald er der Kenner seiner eigenen Arbeit wird.“ Heinz Edelmann hatte einen großen visuellen Hunger. Das zeigt sich in der unglaublichen Vielfalt und Kraft seiner Arbeiten.

Die schönsten Momente darf man dann erleben, wenn man nicht locker lässt und sich spät in der Nacht ein Glücksgefühl einstellt: Ja, das ist neu, das ist gut. Dafür lohnt es sich.

Danke, Heinz Edelmann.

Heinz Edelmann starb am 21. Juli 2009 im Alter von 75 Jahren in Stuttgart

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